Martin Seckendorf, Deutsches Ausland-Institut Stuttgart - Eine Übersicht

Am 14. Dezember 2004 referierte Martin Seckendorf vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung über die Tätigkeit des Deutschen Ausland-Instituts auf dem Gebiet der „Volksforschung“. Teilnehmer der Veranstaltung äußerten den Wunsch, einen Überblick über die Gesamtgeschichte dieser bedeutenden Deutschtumseinrichtung zu erhalten, was im Rahmen der Veranstaltung am 14. Dezember aus Zeitgründen nicht möglich war. Es wurde zugesagt, nachstehende Übersicht auf den Internetseiten der Berliner Gesellschaft zu veröffentlichen.


Martin Seckendorf
Das Deutsche Ausland-Institut Stuttgart (DAI) 1917 bis 1945
Eine Übersicht


1. Gründung und Tätigkeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges
Am 10. Januar 1917 wurde in Stuttgart das „Museum und Institut zur Kunde des Auslanddeutschtums und Förderung deutscher Interessen im Ausland“(seit Ende 1918 DAI) gegründet. Der König von Württemberg übernahm die Schirmherrschaft. Der deutsche Kaiser sicherte großzügige Förderung zu. Reichskanzler von Bethmann Hollweg wurde Ehrenvorsitzender des Verwaltungsrates.1 Im März 1917 erhielt das DAI öffentlich-rechtlichen Status. Die Gründung in schwierigen Kriegszeiten und die herausgestellte Verbundenheit der Macht- und Einflusseliten des wilhelminischen Deutschland mit dem Institut erregten Aufmerksamkeit und signalisierte einen signifikanten Wandel in den Auffassungen der Herrschenden in Deutschland über die Möglichkeiten, die die Deutschen im Ausland der deutschen Politik bieten konnten. Als „eine in ihrer Großzügigkeit durchaus neuartige Organisation“ bewertete das „Weltwirtschaftliche Archiv“1917 die Stuttgarter Einrichtung.2 Neuartig war auch der breite Arbeitsgegenstand. Das Institut wollte sich weltweit mit allen Deutschen im Ausland(den deutschen Staatsangehörigen und den Deutschen mit fremder Staatsangehörigkeit, den sogn. Volksdeutschen), mit deren Geschichte sowie dem Wirkungs- und Beziehungsgeflecht der Auslandsdeutschen in ihrer andersnationalen und natürlichen Umwelt beschäftigen, Verbindungen zu den Deutschen im Ausland anbahnen sowie solche Verbindungen als Zentralstelle kontrollieren und fördern. Sehr früh befasste dich das Institut mit Nationalitätenfragen in Vielvölkerstaaten und mit den Minderheiten anderer Staaten vornehmlich Europas im Ausland. Außerdem gehörte die Auswanderung - das zukünftige „Auslandsdeutschtum“ - zum Arbeitsgegenstand. Hochrangige Vertreter der herrschenden Schichten wurden in Aufsichts- und Beratungsorgane (Verwaltungsrat, Ausschuß, Wissenschaftlicher Beirat3) oder in Ehrengremien,4 des DAI gewählt und durch Auszeichnungen („Deutscher Ring“)5 an das Institut gebunden. Die enge Verbindung zwischen den jeweils tonangebenden Fraktionen der Eliten und dem DAI, der elitäre Charakter, blieb ein Grundzug in der Gesamtgeschichte des Stuttgarter Instituts.
Von Anfang an nahm das DAI eine Ausnahmestellung gegenüber den wenigen(1917) bestehenden6 und den nach 1918 in großer Zahl gegründeten Deutschtumseinrichtungen ein. Bis 1945 war es die bedeutendste nichtamtliche Institution mit dem neuartig breiten Arbeitsspektrum für „Deutschtumspolitik“. Institutsleitung und einflussreiche Förderer forderten seit 1917, dem DAI für den Arbeitsgegenstand den Rang einer Zentralstelle von gesamtnationaler Bedeutung zu gewähren.7 Die Kehrseite dieser Forderung war, dass die anderen Organisationen mit ähnlichem Arbeitsgegenstand vom DAI als Konkurrenten behandelt wurden.
Schon in der Anfangsphase wurden Methoden und Strukturen entwickelt, die die Tätigkeit des Instituts bis 1945 bestimmten und die die wesentlichen Probleme aller „Deutschtumspolitik“ späterer Jahre berücksichtigten. Dazu gehörten die möglichst vollständige Erfassung der Auslandsdeutschen, Schaffung eines weltumspannenden Netzes von V-Leuten8 sowie Erarbeitung eines Methodeninventars gegen die Assimilierung, gegen die Eingliederung der Auslandsdeutschen in ihre andersnationale Umgebung und zur „Regermanisierung“ von „Assimilanten“.9
Noch während des Ersten Weltkrieges begannen „Expeditionen“ in die von den Dreibundmächten besetzten Gebiete, um die dort siedelnden deutschen Minderheiten zu erfassen. Dabei sind mit Unterstützung der Besatzungsbehörden offensichtlich in größerem Umfang Dokumente und Zeugnisse der Volkskultur nach Stuttgart gelangt.10 Von Beginn bildete die „Deutschtumspropaganda“ nach „innen“, ein Arbeitsschwerpunkt des Instituts, um für die neue Politikdisziplin „Auslandsdeutschtum“ breite Akzeptanz, einen innenpolitischen Resonanzboden zu schaffen. Hauptthese dieser Propaganda war, die Arbeit für die(„schwer ringenden“) Deutschen im Ausland sei eine partei- und klassenübergreifende, nationale Pflicht.11
Erster Vorsitzender des DAI war(bis 1933) Theodor Wanner. Die Tätigkeit des schnell wachsenden Mitarbeiterstabes (im Juni 1918 waren schon 15 Kräfte im Institut angestellt) leitete (bis 1933) der Generalsekretär Fritz Wertheimer.12 Das Institut gliederte sich in eine Museumsabteilung, eine Bücherei, eine Auskunfts- und Vermittlungsstelle, eine Veröffentlichungs- und Vortragsabteilung sowie eine Vertretung in Berlin. Kernstück war das Archiv, das Nachrichten sammelte und Verbindungen zu den Deutschen im Ausland unterhielt. Noch 1917 begann das Institut eine rege Vortragstätigkeit, erarbeitete massenwirksame Ausstellungen und gab zahlreiche Publikationen heraus. Ein 1917 gebildeter wissenschaftlicher Beirat mit 31 Mitgliedern sollte führende Akademiker zur Mitarbeit gewinnen, den akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb beeinflussen und dem Institut wissenschaftliches Renommee einbringen.13
Von Oktober 1918 bis Ende 1944 erschien eine Institutszeitschrift zunächst unter dem Titel „Mitteilungen des Deutschen Ausland-Instituts“ (ab Jahrgang 2, Heft 10: „Der Auslanddeutsche“, ab Jahrgang. 21, Heft 3: „Deutschtum im Ausland“).

2. Das DAI in der Weimarer Republik.
Als Folge des Ersten Weltkrieges, insbesondere durch die territorialen Nachkriegsregelungen, wuchs das Auslandsdeutschtum um 3 Millionen auf etwa 30 Millionen Menschen. Von den in Deutschland Herrschenden wurden die Auslandsdeutschen im Gegensatz zu den Auffassungen aus der Zeit vor dem Krieg stark beachtet und als wertvollen Faktor der Politik, insbesondere der Außenpolitik angesehen.14 Man glaubte, mit „Deutschtumspolitik“ die Folgen von Krieg und Revolution auch im Innern leichter meistern sowie den territorialen und politischen Status quo ante schneller wieder erreichen zu können.15 Grundanliegen aller „Deutschtumspolitik“ nach 1918 war es deshalb, das „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ gegen Assimilierung und Abwanderung aus den Minderheitengebieten zu erhalten, wirtschaftlich zu kräftigen und zahlenmäßig durch „Regermanisierung“, nämlich durch die Wiedererweckung der „deutschen Gesinnung“ bei den in ihre andersnationale Umwelt integrierten Auslandsdeutschern sowie durch Lenkung der Auswanderung zu stärken.16
Nach 1918 entstand ein gewaltiger „Deutschtumsapparat“. Je eine Abteilung des Reichministeriums des Innern(RMdI) und des Auswärtigen Amtes(AA) mit drei großen Tarnorganisationen, Deutsche Stiftung, OSSA und Konkordia,17 bildeten die Spitze der amtlichen Säule dieses Apparates. Tausende neue Vereine wurden gegründet. Zur Zentralisierung und Steuerung des ausufernden Verbandswesens entstanden - häufig durch personelle Verschmelzung des staatlichen Apparates mit den Verbandsleitungen, mit Hilfe staatlicher Zuschüsse und nach geheimen staatlichen Vorgaben - riesige Netzwerke der meist schon in Kartellen zusammengeschlossenen Verbände und „volkswissenschaftlichen“ Einrichtungen.18 Vermutlich jede Universität bot Forschungsprogramme, Vorlesungsreihen und Seminare zu Fragen des „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ an.
Aus diesem Geflecht ragte das DAI als eigenwillige Kombination von „Deutschtumsverband“, „volkswissenschaftlicher“ Lehr- und Forschungseinrichtung, Propagandazentrale, Gutachter- und Auswandererberatungsstelle, auslandskundlichem Informationszentrum, Archiv und Museum heraus. Die Leitung des DAI stellte sich nach der Novemberrevolution schnell auf die veränderte innenpolitische politische Situation ein. Die einst zahlreichen Vertreter der Fürstenhäuser verschwanden aus den Institutsgremien. Ihre Stellen nahmen die Repräsentanten der Weimarer Republik ein. Den Ehrenvorsitz bildeten der Reichskanzler, die Reichsminister des Innern und des Äußeren, der Staatspräsident Württembergs sowie die Kultusminister Preußens, Bayerns und Württembergs.19 Das DAI wurde „republikanisch“, gab sich überparteilich, behielt aber seine elitäre Grundeinstellung. Nicht Massenorganisation, wie etwa der Verein für das Deutschtum im Ausland(VDA), sondern Sammel- und Mittelpunkt der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten der Weimarer Republik und der Meinungsführer der Auslandsdeutschen wollte man sein.20 Die ersten Regierungen der Weimarer Republik sicherten durch Zuwendungen aus Geheimfonds die Entwicklung des DAI und bekräftigten die Vorrangstellung des Instituts gegenüber den anderen „Deutschtumseinrichtungen“.21 1922 schrieb der sozialdemokratische Reichsinnenminister Adolf Köster, das DAI sei „die wissenschaftlich und politisch bedeutungsvollste Organisation zum Wiederaufbau des Auslandsdeutschtums wie zur Verbreitung von Auslandskunde“.22 1923 wurde das Institut als „reichswichtige Anstalt“ eingestuft und der Aufsicht des Reichsinnenministeriums unterstellt. Es hatte Anspruch auf regelmäßigen Zufluß von Mitteln aus dem Reichshaushalt.23 Die Einnahmen stiegen von 195.000 Mark 1924 auf fast 450.000 Mark 1930.24
Auf der politisch und finanziell gesicherten Grundlage konnte sich das DAI zügig entwickeln.25 Die Bücherei wurde mit ca. 50.000 Bänden (1932) zur größten Spezialbibliothek. Die Auswandererberatung unterhielt in Deutschland, aber auch in Siedlungsgebieten der deutschen Minderheiten Beratungsstellen und fungierte für Württemberg als Zweigstelle des Reichswanderungsamtes.26 Die Presseabteilung gab die Halbmonatszeitschrift unter dem Titel „Der Auslanddeutsche“ mit einem Umfang von Jährlich 750 Seiten und einer Auflage von 7-8000 Exemplaren heraus. Außerdem erschien seit 1919 wöchentlich eine Pressekorrespondenz in einer Auflage von bis zu 4000 Exemplaren. Zentrale Struktureinheit wurde die Archivabteilung, deren Sammlungen über differenziert aufgebaute Karteisysteme für vielfältige Zwecke abrufbar waren. 1932 enthielt die Personenkartei Angaben zu Zehntausenden von Deutschen im Ausland. In der Vereinskartei waren 38.500 Organisationen der Auslandsdeutschen erfasst. Dem Archiv oblag außerdem, mit Vereinen und wichtigen Einzelpersonen im Ausland in Verbindung zu treten und das Netz der ca.1600 V-Männer (Ende 1932) zu steuern. 1927 kam als neues Institutsorgan der vertraulich tagende Wirtschaftsrat hinzu.27 Er institutionalisierte die traditionell engen Verbindungen des DAI zur Großwirtschaft. Die Schaffung des Wirtschaftsrates war vor allem Ausfluss der Erkenntnis, daß mit „kultureller Deutschtumspflege“, mit Propaganda allein die Grundfragen aller Deutschtumspolitik nicht zu lösen waren. Die Assimilierung der Grenz- und Auslandsdeutschen, die Abwanderung von „Volksdeutschen“ aus den Minderheitengebieten konnten nur verhindert, die Regermanisierung der assimilierten, in ihre andersnationale Umwelt integrierten Auslandsdeutschen nur erreicht, die Aktionsfähigkeit der „volksdeutschen“ Einrichtungen im Ausland nur erhalten werden, wenn die Minderheiten eine starke wirtschaftliche Basis und die „Volksdeutschen“ eine akzeptable wirtschaftliche Perspektive erhielten.28 Für die „Deutschtumspropaganda“ im In- und Ausland nutzte das DAI in großem Umfang die neuen Medien – Film seit 1923,29 Rundfunk seit 1924.30 Neben der Anlehnung an die neuen Eliten der Weimarer Republik war für den Erfolg des DAI von Bedeutung, dass es eine von den Macht- und Einflusseliten akzeptierte, „staatstragende“ deutschtumspolitische Linie verfolgte. Angesichts der Schwäche des deutschen Staates und der für Deutschland schwierigen internationalen Verhältnisse definierte das DAI eine auf das „Reich“ bezogene „Deutschtums“-Konzeption mit deutlichen Unterschieden zu „völkischen“ und offen irredentistischen Strategien. Das Instituts ging in dem damals heftig geführten Streit über die Rolle des deutschen Staates in dem Beziehungsgeflecht „Binnendeutschtum“ – „Auslandsdeutschtum“ - „Reich“ davon aus , dass das weltweit siedelnde deutsche Volk eine „Kultur- und Blutsgemeinschaft“, die „gesamtdeutsche Volksgemeinschaft“ bilde. Zentrum und Kraftquell seien aber das „Binnendeutschtum“, das „Muttervolk“ und dessen staatliche Organisation, das „Reich“.31 Auf der Grundlage der „Blutsgemeinschaft“ hätten sich die „volkliche Einheit“ und die Schicksalsverbundenheit des weltweit zerstreuten „Deutschtums“, aber vor allem die „deutsche Sonderart“ entwickelt.32 Die Beschreibung des „weltweit zerstreuten Deutschtums“ als eine alle Klassenschranken überwindende, soziale, biologische und daher auch „gesinnungsmäßig“ homogene, von anderen Völkern streng geschiedene Schicksalsgemeinschaft verfolgte wesentlich nach „innen“ gerichtete Ziele, vornehmlich zur Förderung eines nationalen Selbstwertgefühls nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg.33 Die „Deutschtumsarbeit“ sei für den „politischen Wiederaufbau Deutschlands“ nach dem Krieg „besonders dringend“ gewesen, heißt es in einem Bericht des Rechnungshofes.34 Die vom DAI massenhaft verbreitete Volksgemeinschaftsideologie erlangte enorme staatstragende Bedeutung, hatte aber zunehmend einen hohen Affinitätsquotienten zu faschistoiden Volkstumstheoremen, was sich gegen Ende der Weimarer Republik u.a. in der Terminologie und auch in der Arbeit des Instituts niederschlug. Die Institutszeitschrift berichtete 1932 auffällig wohlwollend über Naziaktivitäten in den Siedlungsgebieten der deutschen Minderheit. Der Leiter der Presseabteilung bewertete eine programmatische Publikation der NSDAP über das „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ als weitgehend identisch mit den Auffassungen des DAI.35 Der als „liberales Urgestein“ geltende Vorsitzende Wanner äußerte, die Deutschen seien ein „Volk ohne Raum“. Er forderte die Ansiedlung deutscher Bauern in den „entvölkerten Ostgegenden und Ödgebieten“ auch, um „zunächst einmal gegen die andrängende slawische Flut im Osten einen neuen Menschen- und Bauernwall zu setzen.“36 Der Mitarbeiterstab gehörte in der Weimarer Republik nach dem Zeugnis von Wahrhold Drascher, seit 1924 Länderreferent, „so gut wie ausschließlich seit langem der nationalen Erneuerungsbewegung“ an.37

3. Das DAI von 1933 bis 1939
Zu Beginn der NS - Herrschaft geriet das DAI in starke Turbulenzen. Auslöser war der verstärkt seit März 1933 laufende Prozess, die NS-Ideologie mit dem „Führerprinzip“ für die Gestaltung der Außenbeziehungen und die Tätigkeit des DAI zur verbindlichen Organisations-, Leitungs- und Arbeitsgrundlage zu machen. Terroristische Aktionen gegen den „jüdischen“ Generalsekretär und massiver Druck auf den „liberalen“ Vorsitzenden sollten den im Zuge der „Gleichschaltung“ erstrebte personellen Wechsel an der Institutsspitze erzwingen. Die durch „Selbstgleichschaltung“ umgebildeten Führungen des VDA und des Deutschen Schutzbundes38 versuchten, die Gunst der Stunde zu nutzen, um die herausgehobene Position des DAI im Netzwerk der „Deutschtumsverbände“ zu beseitigen und den alten Rivalen aus Stuttgart unter dem Deckmantel der nazistischen „Erneuerung“ und der Zentralisation der „Volkstumsarbeit“ auf eine politisch bedeutungslose württembergische Regionalorganisation zurückzuschneiden. Das Institut sollte entscheidende Arbeitsfelder, wie die „Deutschtums“-Propaganda, vor allem die Funktion als Mittelstelle für Verbindungen zwischen Deutschen im Ausland und im Reichsgebiet an „andere“ Verbände - vornehmlich an den VDA – abgeben und erheblich verkleinert werden.39 Die „Gleichschaltung“ des DAI war offiziell im September 1933 abgeschlossen. Der NS-Oberbürgermeister von Stuttgart, Strölin, wurde zum neuen Vorsitzenden (ab 1936 Präsident), der aus Siebenbürgen stammende „Volkstumskämpfer“ Csaki zum Leiter des Instituts bestimmt und von Strölin ein neuer Vorstand berufen.40 Die neue Leitung und die hinter ihr stehenden Kräfte, insbesondere aus der NSDAP und der Landesregierung Württembergs machten deutlich, dass sie keine Rückstufung und Unterstellung des DAI unter den VDA hinnehmen wollten. Auch die neuen Machteliten im Reich waren nicht bereit, eine für jede Außenpolitik so wertvolle Einrichtung wie das DAI zerschlagen zu lassen. In einem Artikel in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ über die Vorgänge im DAI im März 1933 wird vermutet, dass die NSDAP-Führung „die Zerstörung dieses Instruments bester deutscher politischer Arbeit“ oder auch nur eine Einschränkung nicht zulassen werde.41 Das Institut verbündete sich mit jenen Kräften innerhalb des neuen Machtapparates, die damals in der NS-Außenpolitik eine herausgehobene Rolle spielten: Die Auslandsorganisation(AO) und das Außenpolitische Amt (APA) der NSDAP. Mit dem APA schloß das DAI ein Übereinkommen. Danach hatte das Institut diese oberste Parteibehörde fortlaufend und unaufgefordert mit politischen Informationen zu versorgen und für das APA interessante ausländische Besucher an das Amt zu vermitteln. Das APA konnte auch unter Umgehung des Instituts das weltweite V-Männernetz des DAI für seine Zwecke nutzen.42 Schon ein Jahr später war von der Krise des Frühjahrs 1933 nichts mehr zu spüren. Auf der Jahrestagung 1934 nahm Hitler die höchste Auszeichnung des DAI, den „Deutschen Ring“, entgegen. Die Teilnahme des Reichsaußenministers an der Tagung und die Berufung der Mitglieder der drei Beratungsgremien – des Wissenschaftlichen, des neu etablierten Kultur- und des Wirtschaftsrates – zeugen von ungebrochener Verbindung mit den „alten“ und den inzwischen erstaunlich engen Beziehungen zu den „neuen“, den nationalsozialistischen Machteliten.43 Am 4. Dezember 1934 stellte der Reichsrechnungshof fest: „Das Deutsche Ausland-Institut ist die größte zentrale Arbeitstätte für das Auslanddeutschtum im Reich und als solche von den Auslanddeutschen, den Reichsbehörden und den Organen der NSDAP anerkannt.“44 Das DAI erfuhr einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Die Einnahmen stiegen von 243.269 RM im Jahr 1933 auf 1.137.000 RM(Etatansatz 1939).45 Wichtige, vor allem kontinuierlich fließende Finanzquellen waren die Zuschüsse des Reichsinnenministeriums, Württembergs und Stuttgarts. Größere Summen kamen von der „Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft“(1936: 130000,00 RM, 1938: 160 000,00 RM), aus dem Auswärtigen Amt und dem Propagandaministerium.46 Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 52 Ende 1933 auf 157 am 20. August 1939.47 Alle traditionellen Bereiche wurden beträchtlich ausgebaut und verzweigt, die umfangreichen Datenspeicher verfeinert, auch mit dem Ziel, die Zugriffszeit auf die Informationen gemäß der wachsenden Anzahl der Nutzer zu verkürzen. Die Fachbibliothek wuchs bis 1939 auf fast 80.000 Bände. Die Kartenabteilung umfasste 1939 mehr als 15.000 Titel. In der Archivabteilung waren 45.000 Organisationen der Deutschen im Ausland registriert. Vielfach enthielt die Datei deren Mitgliederlisten48 – ein Faktum, das während des Krieges für die politische Selektion der „Volksdeutschen“ große Bedeutung erlangte. Die schon im Ersten Weltkrieg begonnene Personenkartei wurde erheblich ausgebaut. Sie enthielt bei Kriegsbeginn 1939 Informationen zu Hunderttausenden von im Ausland lebender Deutschen. Die Daten kamen vor allem aus dem neu aufgebauten Bereich der Sippenforschung und waren differenziert abgespeichert. Durch farbige Kennung der Karteikarten konnte das DAI sehr schnell Auskünfte über die politische Haltung, die „rassische“ Herkunft, die Beziehungen zu deutschen Organisationen und zu Deutschland, Beruf, Tätigkeit oder Adressen einer Person mitteilen. Das Netz der Vertrauensmänner wuchs auf fast 3000 bei Kriegsbeginn.49 Auch die großen Museumspläne konnten verwirklichen.50 1936 wurde im Wilhelmspalast in Stuttgart, den die Stadt dem DAI zur Verfügung gestellt hatte, unter dem Titel „Ehrenmahl der deutschen Leistung im Ausland“ eine ständige Expositur über Geschichte, Gegenwart und Verteilung der Deutschen im Ausland sowie über deren natürliche und andersnationale Umwelt eröffnet. Durch die Schau wurden jährlich rund 80.000 Menschen geführt. Im April 1943 musste sie „kriegsbedingt“ schließen. Die Schulungsarbeit nahm, nun ganz mit nationalsozialistischem Inhalt, einen großen Aufschwung. Zielgruppen blieben Auslandsdeutsche sowie jene Deutschen, die ins Ausland gingen, darunter vor allem Lehrer an deutschen Schulen und Personal für die deutschen amtlichen Vertretungen. Erheblich ausgedehnt wurde die Schulung der „Binnendeutschen“. Dabei blieb das DAI seinem Konzept treu, „Führerschulung“ zu betreiben. Über Multiplikatoren sollte ein Massenpublikum erreicht werden.
Mit der „Gleichschaltung“ flossen neue Grundzüge in die Arbeitsweise des Instituts ein und es entstanden neue Strukturen. Eine Neuerung war der Einzug des Rassismus. Alle „Deutschtumsarbeit“ des DAI müsse „auf rassischer Grundlage stehen“, forderte der neue Schirmherr des DAI, der württembergische Ministerpräsident Mergenthaler, auf der Jahrestagung 1933. Die bisherige „Wertegemeinschaft“ aller Deutschen wurde als biologische „Rassengemeinschaft“ mit den Merkmalen einer „höherwertigen Rasse“ definiert.51 Ein weiterer neuer Grundzug war die Forderung, das Institut unmittelbarer der „politischen Praxis“ des NS-Staates im Innern wie nach außen sowie bei der praktischen Arbeit mit den Auslandsdeutschen im Rahmen der „Volkspflege“ dienstbar zu machen.52 Am Beginn dieser Praxisorientierung stand die volle Einbeziehung in die Auslandspropaganda des Regimes. Das DAI forderte die Deutschen im Ausland auf, als Propagandisten für das „Dritte Reich“ tätig zu werden und sich der angesichts des nazistischen Terrors in Deutschland wachsenden antifaschistischen Propaganda entgegen zu stellen. Gleichzeitig wollte das Institut sein Renommee bei den Auslandsdeutschen nutzen, die NS-Ideologie unter den Deutschen im Ausland zu verbreiten und als Instrument der „Gleichschaltung“ der „auslandsdeutschen Volksgruppen“ zu wirken.53 Um die Ergebnisse seiner Arbeit schnell in praktisches Handeln umzusetzen und um sich unentbehrlich zu machen, betrieb das DAI intensives networking mit wichtigen „Bedarfsträgern“. Zu den Umworbenen gehörten neben der Wehrmacht und anderen staatlichen Stellen des Reiches und Württembergs, die NSDAP auf allen Ebenen, vor allem die Auslandsorganisation sowie das Außenpolitischen Amt und andere Dienststellen des großen Bereichs „Reichsleiter Rosenberg“. Vielschichtige Kontakte entstanden zur SA, zur Reichsjugendführung, zur NS-Frauenschaft, zur NS-Studentenführung, zum Arbeitsdienst und zum NS-Lehrerbund. Diese waren zunächst Zielgruppen der nach innen gerichteten Agitation, bildeten aber, insbesondere seit dem Aufbau der auslandsdeutschen Sippen- und Volksforschung, ein Reservoir, aus dem das Institut geschulte Kräfte gewann – von Karteiarbeitern bis zu Teilnehmern an „Expeditionen“ in auswärtige Minderheitengebiete.54 Engere Verbindungen knüpfte das Institut zu politisch exponierten Einrichtungen, die ähnliche Aufgaben bearbeiteten, so zur Deutschen Akademie und zum Bund deutscher Osten.55 Auch mit Konkurrenten, wie den „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“, kam es trotz weiter schwelender Konflikte zu engeren Verbindungen.56 Seit Anfang 1937 bemühte sich die Führung des DAI erfolgreich um enge Kontakte zur Volksdeutschen Mittelstelle der SS, der neuen Spitzenbehörde für das „Grenz- und Auslandsdeutschtum“.57 Im Rahmen der „Praxisorientierung“ wurde vom Institut angeregt, auch militärische und rüstungssensible Nachrichten zu beschaffen.58 Der Leiter des Instituts wies im Juni 1939 die Forschungsstelle der Russlanddeutschen an, militärischen Stellen „dauernd Material“ zu übermitteln.59 Auch andere Beispiele lassen den Schluß zu, daß die Möglichkeiten des DAI zur Beschaffung solcher Daten allenthalben genutzt wurden.60 Eine prägende Neuerung war der großflächige Einstieg des DAI in die Volkswissenschaften, zunächst in die Sippenkunde, wobei das DAI im Gegensatz zu anderen „volkswissenschaftlichen“ Instituten eine enge Verbindung von Forschung und praktischer „Volkstumsarbeit“ anstrebte. Die Ergebnisse der Forschung sollten zeitnah in Politikberatung und „Volkspflege“ einfließen. Gegenstand waren die Auslandsdeutschen, deren Stellung in ihrer natürlichen und andersnationalen Umwelt und ihre Haltung zu NS-Deutschland. Hauptziel war, alle im Ausland lebenden Deutschen zu erfassen.61 Die Informationen wurden hauptsächlich von etwa 30 landsmannschaftlichen Forschungsstellen beschafft(z.B. „Sachsen in aller Welt“) und in der 1934 eingerichteten Hauptstelle „auslandsdeutsche Sippenkunde“ gesammelt und ausgewertet. Die 10 Karteien der Hauptstelle enthielten Anfang 1937 etwa 135.000 Karten (Monatszuwachs: 57.000 Karten).62 Über „Emigranten“ und „entdeutschte Familien“ wurden Sonderkarteien angelegt.63 Die Forschungsstellen gehörten bis Ende 1937 zum VDA. Im Zuge der „Entmachtung“ des VDA und einer neuen Konzentrationswelle in der „Volkstumsarbeit“ kamen die Forschungsstellen zum DAI. Diese bis dahin tiefgreifendste Konzentration der „Volkstumsarbeit“ begann Ende 1936. Die Volksdeutsche Mittelstelle der SS(VOMI) wurde als „höchste Befehlsstelle“ aller „mit volksdeutscher Arbeit befaßten Stellen...also auch des DAI“, wie der Institutsleiter Csaki betonte, eingesetzt.64 Ein Befehl Hitlers vom 2. Juli 1938 schloß den Prozeß der Zuordnung aller „Volkstums- und Grenzlandfragen“ unter die VOMI ab.65 Der VDA musste den gesamten Bereich Sippenkunde mit allen Forschungsstellen an das DAI abgeben.66 Das Stuttgarter Institut wurde die einzige anerkannte Einrichtung für „auslandsdeutsche Sippenkunde“. Die Unterstellung der Forschungsstellen unter das DAI blieb auf Weisung der VOMI geheim,67 weil die Forschungsstellen nicht nur Daten sammelt, sondern auch mit Auslandsdeutschen Verbindungen auf landsmannschaftlicher, ja familiärer Basis aufbauten. Sippenkunde wurde im DAI nicht als trockene Genealogie, sondern als politisch hochwirksame Wissenschaft von der „Blutsgemeinschaft aller Deutschen“ aufgefasst. Mit Sippenkunde sollte „vom Mutterland her“ den Auslandsdeutschen der „Blutzusammenhang“ des gesamten deutschen Volkes bewusst und sie über eine persönlich gehaltene Kontaktaufnahme auf „Stammesebene“ „immer stärker mit der Ideenwelt des Nationalsozialismus“ vertraut gemacht werden. Durch die vordergründig unpolitische Art der Verbindungsaufnahme wollte man die Dissimilation, die Regermanisierung“ jener „Volksdeutschen“ betreiben, die sich an ihre andersnationale Umwelt angepasst hatten und die nicht auf offene NS-Propaganda reagierten.68 Nach dem Grundsatz, die „Reinheit des Blutes“ sei der sicherste Schutz gegen Assimilation, wurden zunehmend „rassenbiologische“ Daten gesammelt, um eine rassische, erbgesundheitliche und biologische Bewertung des einzelnen Auslandsdeutschen und jeder auslandsdeutschen „Volksgruppe“ zu ermöglichen. Die Sippenkunde wurde zur Grundlagenforschungsrichtung für eine auslandsdeutsche Rassenkunde erklärt, die die rassischen und biologischen Eckwerte jeder einzelnen auslandsdeutschen Gruppe ins Zentrum der Arbeit rückte.69 Die neue volkswissenschaftliche Disziplin müsse die tradierten „einseitigen Bindungen zur Geschichtswissenschaft“ abstreifen und „sich dem organisch biologischen Denken“ nähern, lautete die Forderung der Leitung des DAI.70 Die Hauptstelle gab zwischen 1936 und 1942 ein „Jahrbuch für auslandsdeutsche Sippenkunde“ heraus, das eine Startauflage von 2000 Exemplaren hatte. 1936 errichtete das DAI mit der Deutschen Akademie in München als Juniorpartner die Arbeitsstelle für auslandsdeutsche Volksforschung71 mit dem Ziel, alle Forschungen über das „Auslandsdeutschtum“ und deren „Wirtsvölker“ in Stuttgart zu konzentrieren. Nach den Vorstellungen der Institutsleitung sollte im DAI eine gesamtnationale „Planungs- und Generalstabsstelle der Volksgruppenforschung“ entstehen. Dabei trat das Institut bewusst in scharfe Konkurrenz zu den etablierten Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, denen man in denunziatorischer Absicht vorwarf, die Rassen- und Erbbiologie, jene vermeintliche Grundlage aller Volksgeschichte, zu vernachlässigen.72 Von 1937 bis 1944 wurde die Vierteljahrsschrift „Auslandsdeutsche Volksforschung“ (ab 1939 „Volksforschung“) herausgegeben. Das Ziel, Koordinierungsstelle aller „auslandsdeutschen Volksforschung“ zu werden, erreichte das DAI nur partiell(für die Gebiete „Übersee“ und „Südosten“) und erst im Verlauf des Krieges.

4. Das DAI im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges erfolgte die größte Erweiterung des Instituts. Die traditionellen Arbeitsfelder wurden sachlich und personell erheblich ausgedehnt und neue Strukturen geschaffen, wie die Abteilung Umsiedlungsdokumentation, die Statistische Abteilung, die Ostabteilung und die Dienststelle Wien. Das DAI richtete weitere Verbindungsstellen in wichtigen Einrichtungen, wie dem OKW, dem SS-Stabshauptamt Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums(RKF) und der VOMI ein. Im Haushaltsjahr 1942/43 stieg der Etatansatz für die Einnahmen auf die Rekordsumme von über 1,6 Millionen RM.73 Auch die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter erreichte mit 179 im Jahr 1943 eine Höchstmarke, von denen jedoch etwa 15 Personen bei den Volkstumsdienststellen der SS oder bei Einheiten für verdeckte Kriegführung der Wehrmacht(z.B. Lehrregiment Brandenburg zbV 800) und weiter 15 Personen bei normalen Militäreinheiten dienten. Die Expansion dauerte bis in das Jahr 1943, ab dann ist ein Rückbau zu beobachten. 1941 erfolgte ein Führungswechsel. Am 1. Juli wurde der langjährige Abteilungsleiter Hermann Rüdiger als Leiter des DAI eingesetzt. Er war glühender Nationalsozialist und fanatischer Antisemit.74 Während des Krieges kam es in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß zur unmittelbaren Nutzung der Arbeitsergebnisse sowie der personellen und sachlichen Möglichkeiten des Instituts für die Politik und Kriegführung des Regimes. Das DAI arbeitete eigentlich nur noch für „kriegswichtige“ Aufgaben. Es blieb dabei seiner Linie treu, die Möglichkeiten des Instituts den „Bedarfsträgern“ anzubieten und die Strukturen den zu erwartenden Aufträgen anzupassen. Vor allem drei große Komplexe beschäftigten fast alle Bereiche des DAI:
Eine „Kriegsaufgabe“ war die „Umsiedlungsdokumentation“. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges beabsichtigte die deutsche Führung, große Teile der besetzten Gebiete, vornehmlich in Osteuropa, durch Ansiedlung von Deutschen oder Menschen „artverwandten Blutes“ zu germanisieren. Das sollte die wichtigste Methode sein, die Eroberungen militärisch effektiv zu sichern und endgültig dem deutschen Machtbereich einzuverleiben. Man plante, die ortsansässige Bevölkerung zu vertreiben oder zu ermorden, in jedem Fall stark zu dezimieren. „Volksdeutsche“ aus vielen Ländern Europas, vornehmlich aus Ost- , und Südosteuropa, sollten ihrerseits aus ihrer Heimat umgesiedelt und in den auf diese Art „menschenverdünnten“ Gebieten angesiedelt werden.75 Bis Sommer 1944 wurden fast 900.000 „Volksdeutsche“ nach Deutschland oder in die zu germanisierenden Gebiete gebracht.76 Am 25. November 1939 beauftragte auf Initiative des DAI der Reichsführer SS, Himmler, das Institut mit der „umfassenden Dokumentation“ der gesamten Umsiedlungsvorgänge.77 Leitende Mitarbeiter des DAI führten in Erwartung des „Großauftrages“ seit Herbst 1939 „Expeditionen“ in die Germanisierungsgebiete durch, um sich einen Überblick über die Umsiedlung zu verschaffen.78 Später erhielt das DAI die Unterlagen der für die Umsiedlung verantwortlichen Stellen.79 In Stuttgart wurde eine Abteilung gebildet, die das Material archivieren und vor allem für propagandistische Zwecke aufbereiten sollte. Die Mitwirkung des DAI an der Umsiedlung ging jedoch erheblich weiter. Die SS integrierte mindestens 8 Volkstumsexperten des DAI in die Umsiedlungsbehörden, vor allem in das für die Aussiedlung der „Volksdeutschen“ hauptverantwortliche SS-Hauptamt VOMI und in die Einwandererzentralstelle(EWZ). Durch die Fachkenntnisse und Verbindungen zu anderen Volkstumsspezialisten der DAI-Mitarbeiter erhielten nach damaliger Auffassung die Umsiedlungs- und Selektierungsaktionen erst den geforderten professionellen Charakter.80 Meist auf Anforderung der SS-Ämter lieferte das DAI detaillierte Unterlagen über die Zahl, die nationale, “rassische“, politische, religiöse und berufliche Zusammensetzung ,über den Grundbesitz und die politischen Organisationen sowie die „biologischen Kraft“ und der erbbiologischen Situation der umzusiedelnden „Volksdeutschen“.81 Die SS-Dienststellen verfügten damit über exakte Unterlagen für die Planung der einzelnen Umsiedlungsaktionen, für die „Bewertung“ der in einem Umsiedlungsgebiet lebenden Bevölkerung sowie für den Bedarf an Siedlungsstellen im „Ansiedlungsgebiet“. Nach Ankunft der Umsiedler im deutschen Machtbereich ging der Bewertungs- und Selektionsprozeß in die für jeden einzelnen Umsiedler entscheidende Phase. Für die Überprüfung, Bewertung und Ansiedlung der „Volksdeutschen“ war die (EWZ) als Behörde des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD zuständig, der in diesen Fragen Spezialisten aus anderen Behörden und Dienststellen wie RMdI, Stabshauptamt RKF, SS-Rasse- und Siedlungshauptamt zugeordnet waren.82 Jeder „Volksdeutsche“ wurde durch stationäre oder „fliegende“(u.a. in einem Eisenbahnsonderzug untergebrachte) Kommissionen der Einwandererzentralstelle erbbiologisch, „rassisch“(anthropologisch) und politisch überprüft und in Wertungskategorien eingestuft. Die Einstufung und damit die Entscheidung über die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit war für die wirtschaftliche und soziale Zukunft sowie für den Ansiedlungsort der „Volksdeutschen“ entscheidend. Das DAI lieferte auch für diesen Teil des Selektionsprozesses in großem Umfang Material zur erbbiologischen, rassischen und persönlichen Beurteilung sowie zur beruflichen Bildung der Umsiedler, auch, um gesuchte Fachkräfte schnell herausfiltern zu können. Außerdem äußerte sich das Institut gutachterlich über die Ansiedlung der verschiedenen Wertungsgruppen.83 Mitarbeiter des DAI, die in der EWZ tätig waren, erarbeiteten Pläne, wie z. B. das „weltweit zerstreute Russlanddeutschtum“ und die Deutschen in „Übersee“ für die Realisierung langfristiger Germanisierungsvorhaben einzusetzen seien. Der in der EWZ tätige Leiter der DAI-Forschungsstelle Dresden, Förster, schlug im März 1942 in einer größeren Denkschrift vor, das „Russlanddeutschtum“ in jenen Gebieten anzusiedeln, die „für (die) Ostbesiedlung im Rahmen des 30-Jahresplanes angesetzt worden“ sind.84 Förster war offensichtlich sehr frühzeitig über die langfristigen Germanisierungspläne der zuständigen SS-Hauptämter(vor allem des Stabshauptamtes RKF) für die zu erobernden Gebiete der Sowjetunion informiert. In den Umsiedlerlagern im deutschen Machtbereich war das DAI vornehmlich in zwei Richtungen tätig: Das Institut wirkte in großem Umfang an der propagandistischen Indoktrination der Umsiedler mit und betrieb die „sippenkundliche Erfassung“ aller „Volksdeutschen“. Hierbei ging es vor allem um die Gewinnung von Informationen über Verwandte der Umsiedler, die im Ausland lebten.85
Eine weitere „Kriegsaufgabe“ des DAI war die Anschriftenaktion. Mit Kriegsbeginn wurden die beträchtlichen Sammlungen des DAI über im Ausland lebende Deutsche von zahlreichen Partei- und Staatsstellen verstärkt in Anspruch genommen. Das Institut faßte die Aufträge und die damit verbundenen Arbeiten zum Arbeitsschwerpunkt Anschriftenaktion zusammen, die man als „getarnte hochpolitische Arbeit“ bewertete.86 Alle Informationen über im Ausland lebende Deutsche wurden in der neu aufgebauten, alphabetisch geordneten Zentralkartei des inzwischen zur Hauptabteilung aufgewerteten Bereichs Wanderungsforschung und Sippenkunde erfaßt. Die Kartei enthielt wie bisher auch Angaben über die politische Haltung der Auslandsdeutschen. Neu war die Einrichtung eines Alarmierungssystems, um beim Auftauchen eines Namens im Arbeitsprozess bestimmte „Stellen“ sofort benachrichtigen zu können.87 Die Daten dienten vorrangig der Auslandspropaganda von Stellen außerhalb des Instituts und der verstärkten Propaganda des DAI, die vornehmlich durch die Forschungsstellen(FSt.) erfolgte. Als wirksames Mittel galt der „Heimatbrief“ der FSt., der in einer Gesamtauflage von jährlich über 100.000 Exemplaren ins Ausland versandt wurde. Er sei deshalb so erfolgreich, so das DAI, weil der Brief persönlich und vordergründig unpolitisch abgefaßt sei, von privaten Absendern als unauffällige Einzelsendung verschickt werde und damit die gegnerische Zensur überwinden könne. Die Dateien wurden außerdem, wie erwähnt, im Selektionsprozess der Umsiedlungen eingesetzt und durch die „sippenkundliche Erfassung“ der „volksdeutschen“ Umsiedler beträchtlich ergänzt.88
Ein anderer „kriegswichtiger“ Komplex der Tätigkeit des DAI waren spezielle Übersee- und Südosteuropaaufträge. Unter Führung der Arbeitsstelle Volksforschung erhielt das DAI wegen seiner einzigartigen Materialsammlungen, der Kenntnisse der Fachleute und des Systems der persönlichen Informationsquellen eine dominierende Stellung in der „volkswissenschaftlichen“ Überseearbeit. Die ersten Schritte waren die seit 1938 forcierte „Amerikaarbeit“ und die Übernahme der „Forschungsstelle für das Überseedeutschtum“ in Hamburg. Die 1939 neu gegründete Überseedeutsche Forschungsgemeinschaft der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften berief 5 leitende Mitarbeiter des DAI in ihre Gremien. 1940 erhielt die Arbeitstelle Volksforschung des DAI die Schwerpunktaufgabe, deutsche Volksgruppenfragen in Südosteuropa und Übersee sowie europäische Volksgruppenfragen in Übersee, speziell Amerika, zu bearbeiten.89 Am 9. Oktober 1941 wurde das DAI in einer Vereinbarung mit dem Auswärtigen Amt und den Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften mit der gesamten Überseearbeit auf Volkstumsgebieten von Amerika über Afrika bis nach Australien und Asien sowie der Einrichtung einer Publikationsstelle in Stuttgart unter Leitung eines Abteilungsleiters des DAI mit einer Zweigstelle in Hamburg als Verbindungsglied zur Überseedeutschen Forschungsgemeinschaft und einer Verbindungsstelle in Berlin betraut.90 Die Publikationsstelle unterstand dem Auswärtigen Amt, die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter waren Angestellte des DAI.91 Um die Verbindung zum Auswärtigen Amt und zu den Forschungsgemeinschaften zu verschleiern, lief die Aktion im Institut unter der Tarnbezeichnung „Sonderauftrag Übersee“ und war etatmäßig mit einem Volumen zwischen 63.000 und 103.400 RM beim Leiter des DAI angesiedelt. Als Aufgaben wurden bestimmt: „Behandlung überseeischer Volkstumsfragen...Vertrauliche Berichterstattung insbesondere für die Abteilung Deutschland des AA...Anlage von Landkarten, Anlage von Siedlungs- und Personenkarteien...Planung und Ausarbeitung von Denkschriften“.92 Teilhaber der „Überseeaktion“ war offensichtlich auch die VOMI, in deren Auftrag das DAI im Oktober 1941 Vorstellungen für die Überseearbeit entwickeln sollte.93 Die VOMI war - auf Initiative des DAI -94 auch Auftraggeber für die Ausarbeitung einer großen volkswissenschaftlichen Denkschrift über Südosteuropa. Mehre Abteilungen waren über Jahre mit der „Feststellung des deutschen Blut- und Kulturanteils im Südosten“ beschäftigt.95
Mit der seit der Stalingrader Schlacht sichtbar gewordenen Wende des Krieges kam es auch auf dem „Volkstums“-Sektor zu Bemühungen um Einsparungen, Einschränkungen und weiteren Zentralisierungen. Im April 1943 wurde vom Reichspropagandaministerium als der federführenden Stelle für die Propagandamaßnahmen „totaler Krieg“ die Schließung des DAI angeregt. Eine Intervention des Reichsinnenministeriums und des Auswärtigen Amtes verhinderte die Schließung. Beide Ministerien wiesen darauf hin, dass das Institut nur kriegswichtige Aufträge ausführe und in letzter Zeit schon Stilllegungen durchgeführt habe.96 Mit der Ernennung Heinrich Himmlers zum Reichsinnenminister im August 1943 erfolgte auf dem „Volkstums“-Gebiet ein neuer Zentralisierungsschub.97 Ab 1. November 1943 wurden die vom Reichsinnenministerium beaufsichtigten Einrichtungen, darunter das DAI, dem Reichssicherheitshauptamt(RSHA) unterstellt.98 Der Auslandsgeheimdienst des RSHA, das Amt VI, richtete die Amtsgruppe VI G mit dem Titel „wissenschaftlich-methodischer Forschungsdienst“ ein. Die Amtsgruppe sollte als Geschäftsführung die Tätigkeit der nun dem RSHA unterstellten Einrichtungen koordinieren, Doppelarbeit verhindern und vor allem deren verstärkte nachrichtendienstliche Nutzung sicherstellen.99 Zur Verwaltung dieses voluminösen Apparates mit über 300 Angestellten und um die Verbindungen der Einrichtungen zum SD zu verschleiern, wurde ein Kuratorium gebildet, dem der Inlands- und der Auslandsgeheimdienst des RSHA(Amt III und Amt VI), das RMdI, sowie die SS-Hauptämter VOMI und RKF angehörten.100 Die Stellung des DAI in diesem System war eindeutig und noch immer relativ stark. Es galt als eine „zur Hilfeleistung für den Auslandsmeldedienst notwendige“ Einrichtung, die der Dienstaufsicht des RSHA unterstellt war. Es verstehe sich damit „von selbst, dass dieses Institut für alle Zwecke“ der Spionage eingesetzt werden könne, schrieb der Gruppenleiter VI G, SS-Hauptsturmführer Krallert. Das Kuratorium entschied auch über den Haushalt des Instituts für 1944/45.101 Die relativ starke Stellung des DAI in dem System des SS-Kuratoriums ergab sich aus der seit 1938 sehr engen Verbindung des Instituts zur VOMI. Das SS-Hauptamt hatte dem Institut 1944, wie all die Jahre seit 1938 zuvor, einen Zuschuss für dieses Haushaltsjahr in Höhe von 370.000 RM u.a. für die Weiterführung des Sonderauftrages „Südostdenkschrift“ gewährt, der etwa ein Drittel der Gesamteinnahmen des DAI ausmachte. Als die Amtsgruppe VI G am 25.August 1944 erwog, das DAI anzuweisen, seine Tätigkeit weitgehend einzuschränken und auf vielen Arbeitsfeldern ganz einzustellen, wurde darauf verwiesen, dass dafür erst die Genehmigung der VOMI eingeholt werden müsse, da diese maßgeblich an der Verwaltung des Instituts beteiligt sei.102
Mit dem Ende des Krieges musste das DAI vorübergehend seine Tätigkeit weitgehend einstellen. 1951 wurde es unter maßgeblichem Einfluss des Bonner Auswärtigen Amtes als Institut für Auslandsbeziehungen (IfA) in Stuttgart wieder gegründet. Das neue Institut trat mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit in die Tradition des DAI ein.103 Heute ist das Institut für Auslandsbeziehungen neben dem Goethe-Institut, dessen Vorgängereinrichtung die eng mit dem DAI verbundene Deutsche Akademie war, die wohl bedeutendste im Ausland tätige, nichtstaatliche Kulturinstitution Deutschlands und betreibt daneben weiterhin „Deutschtumspflege“.

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