"Sie dürfen sie vierteilen" Am 16. Dezember 1942 erging an die Wehrmacht ein "Führerbefehl" zum Massenmord auch an Frauen und Kindern in den besetzten Gebieten. Dessen Nichtbeachtung durch die bundesdeutsche Justiz kam lange Zeit Kriegsverbrechern zugute. Von Martin Seckendorf

Man kann ihn ungestraft einen Mörder nennen, den Architekten Wolfgang Lehnigk-Emden aus der Eifelgemeinde Ochtendung. Obwohl ihm zum Tatzeitpunkt Zurechnungs- und Schuldfähigkeit zuerkannt worden waren, konnte er trotz eines zweifelsfrei erwiesenen siebenfachen Totschlags und fünfzehnfachen Mordes am Ende des gerichtlichen Hauptverfahrens 1995, das bis zum Bundesgerichtshof(BGH) ging, den Gerichtssaal als "freier Mann" verlassen.1
Grausames Verbrechen
Die Staatsanwälte in Koblenz hatten den Tathergang akribisch recherchiert und rekonstruiert.
Italien im Herbst 1943:2 Seit dem 08. September war das Land des ehemaligen Hauptverbündeten zu großen Teilen von der Wehrmacht besetzt. Von Süden drangen die am 09. Juli 1943 gelandeten anglo-amerikanischen Truppen auf Rom vor. Am 01. Oktober hatten sie Neapel erreicht. Die Wehrmacht legte nördlich der Stadt in aller Eile befestigte Stellungen an, die den Alliierten den Zugang nach Rom versperren sollten. Für die Deutschen war es wichtig, dort nicht nur freies Schussfeld zu haben, sondern auch unbehelligt von möglichen Widerstandsaktionen agieren zu können. Nachschub- und Verbindungslinien "nach Rückwärts" waren frei zu halten. Die Bevölkerung wurde zu großen Teilen aus dem Bereich der Befestigungsanlagen vertrieben. Aufgeheizt durch die Propaganda der deutschen Führung über den "verräterischen, hinterhältigen" Charakter "der Italiener" wurden alle Zivilisten als potentielle Feinde angesehen. Die traditionellen, tiefsitzenden, auf Rassismus basierenden Vorurteile im deutschen Bürgerrum gegen die "Welschen" wurden revitalisiert3 sowie mit der These vom "zweifachen Verrat" Italiens potenziert. Diese Haßpropaganda bildete die ideologische Grundlage eines überaus harten deutschen Besatzungsregimes in Italien mit Massenterror gerade in der ersten Phase des Krieges in Italien. Der Militärhistoriker Gerhard Schreiber berichtet, daß Ende 1943/Anfang 1944 allein in der Provinz Caserta nördlich Neapel "deutsche Uniformträger knapp 700 Menschen" umgebracht hatten.4 In der Sondermeldung des Oberkommandos der Wehrmacht vom 10. September 1943 über die Entwaffnung der italienischen Armee werden die Schlüsselwörter der deutschen Propaganda gegen Italien aufgeführt. Es heißt dort: "Damit ist ein Verrat, wie er größer und hinterhältiger in der Geschichte kaum zu finden ist, auf die Verräter selbst zurückgefallen. Die italienische Wehrmacht besteht nicht mehr. Was aber für ewige Zeiten bestehen bleiben wird, ist die Verachtung der Welt für die Verräter."5
Im Bereich der eilig angelegten deutschen Befestigungslinie nördlich der Kleinstadt Caiazzo lag jene Wehrmachtseinheit, in der Lehnigk-Emden Zugführer war. In der Kompanie ging das Gerücht um, aus einem Bauernhaus unterhalb der Wehrmachtsstellung seien Lichtsignale an die amerikanischen Truppen gesendet worden. Am 13. Oktober ordnete Lehnigk-Emden, der den abwesenden Kompaniechef vertrat, eine "Säuberungsaktion" gegen das einzeln stehende Haus an. Vier anwesende Männer wurden festgenommen und sofort erschossen. Drei Frauen, die die Freilassung der Männer forderten, wurden ebenso umgebracht. Das Landgericht Koblenz hob 1993 hervor, dass eine Befragung der Männer wegen der angeblichen Lichtsignale unterblieb, da keiner der Soldaten italienisch sprach. Nach der Hinrichtung der Sieben wurde das Haus nochmals angegriffen. Die Soldaten warfen Handgranaten in die Räume und schossen mit Infanteriewaffen. Wer zu fliehen versuchte, wurde sofort erschossen. Die Soldaten drangen in die Räume ein und erstachen mit Bajonette jene, die noch ein Lebenszeichen von sich gaben. Bei der zweiten Aktion wurden insgesamt 15 Personen getötet - 5 Frauen und 10 Kinder. Eine der getöteten Frauen war im 5. Monat schwanger. Die meisten Leichen waren grässlich verstümmelt.
Die Ermordung der 7 Personen bei der ersten Aktion wertete das Landgericht Koblenz 1993 aus unerfindlichen Gründen als Totschlag und daher als verjährt. Die zweite Aktion, die als Mord bewertet wurde, galt dem Landgericht Koblenz und 1995 auch dem BGH ebenfalls als verjährt. Lehnigk-Emden war nicht nur ein freier Mann und bekam für die kurzzeitige Untersuchungshaft eine Entschädigung. Er hatte auch Anspruch auf eine "Opferrente" in Höhe von 708 DM, da er sich bei "Kampfhandlungen" eine leichte Beinverletzung zugezogen hatte.
Ebenso abenteuerlich wie der Spruch war die Begründung. Das Verbrechen vom 13. Oktober 1943 sei derart grausam gewesen, dass die Wehrmachtsjustiz sicher ein Verfahren eingeleitet hätte, wäre sie von der Bluttat unterrichtet gewesen. Damit sei die Verjährung nicht unterbrochen worden und war (bei einer Verjährungsfrist von 20 Jahren für Mord) 1963 abgelaufen.6
Ursache für den skandalösen Richterspruch war, dass die bundesdeutsche Justiz einen "Führerbefehl" vom 16. Dezember 1942 unbeachtet ließ.
Der Befehl stellte die grundlegende Norm für das Verhalten aller Waffenträger des Nazi-Reiches gegenüber der Bevölkerung in Partisanengebieten dar.7 Darin hieß es: "Kein in der Bandenbekämpfung eingesetzter Deutscher darf wegen seines Verhaltens im Kampf gegen die Banden und ihre Mitläufer disziplinarisch oder kriegsgerichtlich zur Rechenschaft gezogen werden." Außerdem wurde befohlen, eingeleitete Verfahren und Urteile, "die diesem Befehl widersprechen", sofort einzustellen bzw. aufzuheben.
Aus den Akten des Nürnberger Prozesses, aus Unterlagen der Wehrmachtsdienststellen in Italien und den Aussagen u.a. des zum Zeitpunkt des Caiazzo-Massakers für Italien verantwortlichen Generalfeldmarschalls Albert Kesselring geht hervor, dass der Befehl nicht nur für die besetzten Gebiete in der Sowjetunion und auf dem Balkan, sondern ab dem 8. September 1943 auch für Italien galt.8
Die Annahme der Juristen in Koblenz und Karlsruhe, bei Kenntnis des scheußlichen Verbrechens wäre schon 1943 durch die Wehrmachtsgerichtsbarkeit ein Verfahren eingeleitet und damit die Verjährung unterbrochen worden, stimmte nicht. Der Mörder handelte im Rahmen der Befehlslage. Gemäß dem "Führerbefehl" hätte die Untersuchung der Bluttat durch eine deutsche Instanz sofort eingestellt werden müssen.
Der "Führerbefehl" sollte im Kampf gegen die Zivilbevölkerung Hemmungen abbauen und den Tätern Rückendeckung gewähren. Damit konnten selbst niedrigste Instinkte folgenlos ausgelebt werden, wie ein anderes Beispiel aus dem besetzten Italien zeigt.
Am 23. August 1944 führten Einheiten der 26. Panzerdivision eine "Säuberungsaktion" im Sumpfgebiet von Padule di Fucécchio südlich von Montecatini durch. Der Divisionskommandeur hatte befohlen, alle angetroffenen Personen, auch Frauen und Kinder, zu töten.


"Führerbefehl" vom 16. Dezember 1942:"mit den allerbrutalsten Mitteln…ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder" und Straffreiheit für die Mörder


Beim Einsatz müssen sich furchtbare Szenen abgespielt haben. Obwohl die Soldaten keine "Feindberührung" hatten, waren am Ende der "Aktion" insgesamt 175 Italiener nicht mehr am Leben, darunter 27 Kinder und 63 Frauen. Selbst ein Fall von Nekrophilie an einer namentlich bekannten, noch warmen Frauenleiche sei vorgekommen, schreibt der Militärhistoriker Gerhard Schreiber. Auch diese "Aktion", vom obersten Gerichtsherrn der Division Eduard Crasemann angeordnet, führte befehlsgemäß zu keinen strafrechtlichen Ermittlungen durch die Wehrmachtsjustiz.9

"allerbrutalste Mittel"
Die zugesicherte Straffreiheit beim Kampf gegen die "Banden", wie die diskriminierende Bezeichnung der Partisanen in den deutschen Dokumenten lautete, war eine logische Konsequenz der angeordneten Vorgehensweise.
In dem vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Wilhelm Keitel, übermittelten "Führerbefehl" wurde angewiesen, den Kampf gegen die Partisanen "mit den allerbrutalsten Mitteln" zu führen. Die "Truppe" sei "berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden" Schwerwiegend war auch die Festlegung, dass diese Kampfesweise nicht nur gegen die eigentlichen Partisanen, sondern ebenso gegen die "Mitläufer" oder "Helfer", wie es in anderen Dokumenten heißt, anzuwenden sei.
Diese "Kampfanweisung" forderte geradezu zur massenhaften Begehung von Verbrechen auf. Deshalb die zugesicherte Straffreiheit. Die eingesetzten Deutschen sollten "ohne Einschränkung", wie es dort heißt, rücksichtslos und ohne Beachtung elementarer moralischer und rechtlicher Normen agieren können. Entscheidend sei, dass die Maßnahme "zum Erfolg führt." Der "Erfolg" war nicht nur die Vernichtung einer Partisaneneinheit, die "Befriedung" eines Partisanengebietes und die "Sühne" für eine Partisanenattacke. Der "Erfolg" wurde vor allem am Grad der erreichten Abschreckung gegen zukünftige Angriffe gemessen. Deshalb wollte man die meist unbeteiligte Zivilbevölkerung treffen. Diese auf Prävention und deshalb überaus verbrecherische Konzeption zur Beherrschung besetzter Gebiet, als deren Kern sich die oft politisch undifferenzierte kollektive Gewalt gegen Zivilisten herausbildete, zeigte sich schon bei den ersten Befehlen, die in Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion ergangen waren. Im "Erlaß" Hitlers als Oberster Befehlshabers der Wehrmacht "über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ´Barbarossa´ und über besondere Maßnahmen der Truppe" vom 13, Mai 1941 heißt es: "Angriffe feindlicher Zivilpersonen…sind von der Truppe…mit den äußersten Mitteln…niederzukämpfen…. Gegen Ortschaften, aus denen die Wehrmacht…angegriffen wurde, werden unverzüglich…kollektive Gewaltmaßnahmen durchgeführt." Nicht nur "überführte Täter", sondern auch "verdächtige Täter" seien sofort zu töten. In diesem Erlaß wird auch schon das Prinzip festgelegt, den eingesetzten Soldaten "für Handlungen…gegen feindliche Zivilpersonen" Straffreiheit zu gewähren. Dies gelte ausdrücklich auch dann, "wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist."10 Vier Wochen nach Beginn der deutschen Aggression gegen die Sowjetunion wird das Konzept, Massenterror gegen die Zivilbevölkerung zur Vorbeugung gegen möglichen Widerstand einzusetzen, in der "Ergänzung zur Weisung Nr.33" für die Kriegsführung vom 23.Juli 1941 allen deutschen bewaffneten Kräften in der UdSSR verbindlich vorgeschrieben. Die deutsche Besatzungsmacht solle "denjenigen Schrecken verbreiten, der allein geeignet ist, der Bevölkerung jede Lust zur Widersetzlichkeit zu nehmen." Die Tötung einer entsetzlich großen Zahl von Zivilisten schien das geeignete Mittel, um die erwünschte Abschreckung, um eine Schockwirkung in breiten Kreisen der Bevölkerung zu erreichen.11 Die Massenhinrichtungen sollten zudem auf besonders grausame Weise erfolgen. Keitel befahl in dem berüchtigten Geiselmordbefehl vom 16. September 1941: "Die Art der Vollstreckung muss die abschreckende Wirkung noch erhöhen."12 Auch das Ausleben niedrigster Instinkte sowie kaum zu beschreibende Bestialitäten wie in Padule di Fucécchio sprachen sich herum und erhöhten die Abschreckung.
Der "Führerbefehl" vom 16. Dezember 1942 verlangte geradezu diese verbrecherische Kampfführung. Soldaten, die nicht in der geforderten Brutalität vorgingen, wurden als Verbrecher stigmatisiert. Drohend heißt es, "Rücksichten, gleich welcher Art, sind ein Verbrechen gegen das deutsche Volk" und gegen die "Soldaten an der Front" - ein schwerwiegender Vorwurf.

Mörderische Intentionen
Nach dem Debakel der Wehrmacht in der Schlacht vor Moskau um die Jahreswende 1941/4213 bereitete die Naziführung für den Sommer 1942 eine neue Großoffensive vor. Zwei strategische Großverbände, Heeresgruppen genannt, mit 1,5 Millionen Soldaten, 1500 gepanzerten Fahrzeugen und unterstützt von 1550 Flugzeugen sollten nach Südosten zur unteren Wolga und zum Kaukasus vorstoßen. Man wollte die UdSSR von ihren wichtigsten Wirtschaftsregionen abschneiden und somit noch 1942 zur Aufgabe zwingen. Vor allem sollten die kaukasischen Erdölgebiete erreicht und der Zugang nach dem Iran geöffnet werden
Die Offensive begann mit großer Stoßkraft. Sehr schnell wurden weite Gebiete erobert. Die Wehrmacht schien unaufhaltsam vorzurücken. Da die westlichen Alliierten der Sowjetunion zur gleichen Zeit in Nordafrika14 und in Asien Niederlagen erlitten, sprach man schon von einem "schwarzen Sommer" der Anti-Hitler-Koalition..
Doch im Rücken der angreifenden Wehrmachtsverbände hatten sich kampfkräftige Partisanenverbände organisiert, die, oft in Abstimmung mit dem Oberkommando der Roten Armee, die Versorgungs- und Nachrichtenlinien der Wehrmacht empfindlich störten. Der erstarkte militärische Widerstand destabilisierte das gesamte Okkupationsregime in den besetzten Gebieten der UdSSR und beeinträchtigte die Ausbeutung des Landes und seiner Bewohner. Zur Bekämpfung der Partisanenbewegung wurden in großer Zahl frontfähige Verbände der Wehrmacht und der SS eingesetzt, die den nach Südosten vorstoßenden Truppen fehlten.
Die Tätigkeit der Partisanen wurde von der deutschen Führung als Bedrohung ihrer strategischen Pläne empfunden. Am 18. August 1942 gab das OKW die "Weisung für die Kriegsführung Nr. 46" heraus. Das von Hitler unterzeichnete Dokument hatte den Titel "Richtlinien für die verstärkte Bekämpfung des Bandenunwesens im Osten". Solche "Weisungen für die Kriegsführung" wurden seit 1939 als Führungsinstrument nur für strategische, ja feldzugsentscheidende Aufgaben eingesetzt. In der Weisung heißt es: "Das Bandenunwesen im Osten hat in den letzten Monaten einen nicht mehr erträglichen Umfang angenommen und droht zu einer ernsten Gefahr für die Versorgung der Front und die wirtschaftliche Ausnützung des Landes zu werden." Die Partisanen müssten in kurzer Zeit "im wesentlichen ausgerottet (werden),…um entscheidende Nachteile für die Kampfführung der Wehrmacht…zu vermeiden." Der Einsatz gegen die Partisanen wurde dem Kampf an der Front gleichgestellt. Es seien "härteste Maßnahmen gegen alle, die sich an der Bandenbildung beteiligen oder sich der Unterstützung der Banden schuldig machen" angebracht. Bei "Sühnemaßnahmen" gegen die Zivilbevölkerung, die man generell der "Begünstigung der Banden" verdächtigte, wurde äußerste Härte angeordnet.15
Auf der Grundlage der Weisung Nr. 46 erließ das das Oberkommando des Heeres (OKH) am 11. November 1942 die "Kampfanweisung für die Bandenbekämpfung im Osten". Die angeordnete äußerst brutale Vorgehensweise in den Partisanengebieten war damit ein konkreter Befehl. Darin wurde zum ersten Mal offiziell auch die massenhafte Tötung von Frauen angewiesen. Außerdem weitete man den zu ermordenden Personenkreis dadurch aus, dass man die Täterkategorie "Helfer" einführte. Der Begriff wurde bewusst unscharf gefasst, um die Einsatzkräfte nicht "einzuengen", wie es hieß. Die Grundlinie der "Kampfanweisung" lautete: "Äußerste Härte" gegen die Partisanen und ihre "Helfer" sowie gegen die gesamte Bevölkerung eines als Partisanengebiet ausgewiesenen Einsatzraumes. Der Massenterror sollte vor allem abschreckend wirken. "Schon die Härte der Maßnahmen und die Furcht vor den zu erwartenden Strafen", heißt es, "muss die Bevölkerung davon abhalten, die Banden zu unterstützen oder zu begünstigen. Es wurde betont, "sentimentale Rücksichten seien "unverantwortlich".16
Bei der befohlenen "Kampfesweise" musste es zwangsläufig massenhaft zu schweren Verbrechen kommen. Offenbar waren die Vernichtungsaktionen in der Begehungsweise, wie die Juristen sagen, derart abstoßend, ja bestialisch, dass in einzelnen Fällen die sicher nicht zimperliche Wehrmachtsjustiz Untersuchungen einleitete. Den Kommandeuren ging es darum, die sogn. Manneszucht nicht zu gefährden. Die Soldaten sollten nicht "verwildern" und Krieg auf eigene Faust führen, sondern fest in der Hand der Offiziere ihre Mordbrenneraufgaben erfüllen. Noch im Oktober 1944 mahnte der Oberbefehlshaber der in Italien stehenden 14. Armee, General Joachim Lemelsen, in einem Grundsatzbefehl zur Partisanenbekämpfung die Abkehr von den summarischen, politisch undifferenzierten Massentötungen und flächendeckenden Verwüstungen an. Er begründete seine "neue Linie" damit, dass bei Fortsetzung der bisherigen Kampfesweise "die eigene Truppe verroht und verwildert". Seine Forderung lautete: Gezielter töten und die Antipartisaneneinsätze vermehrt zur "Gewinnung" von dringend benötigen Zwangsarbeitern nutzen.17
Die vereinzelten richterlichen Untersuchungen nach der erlassenen "Kampfanweisung für die Bandenbekämpfung" widersprachen den Intentionen der militärischen Führung, die von den Einsatzkräften ein "uneingeschränktes" Vorgehen in den Partisanengebieten erwartete.
Das OKW reagierte sofort. Drei Wochen nach Erlass der "Kampfanweisung" lag der Entwurf für einen "Führerbefehl" vor.
In der Lagebesprechung am 01.Dezember 1942 im "Führerhauptquartier" mit dem bezeichnenden Decknamen "Wolfschanze" nahe dem Ostpreußischen Rastenburg wurde der Befehlsentwurf diskutiert. An der Diskussion nahmen neben Hitler der Chef des OKW Wilhelm Keitel und der Chef des Wehrmachtsführungsstabes Alfred Jodl teil. Das überlieferte Protokoll offenbart eine unglaublich verbrecherische Mentalität der militärischen Spitze des Nazireiches. Hitler meinte in der Besprechung: "Grundsätzlich ist bei der Bandenbekämpfung…das richtig, was zum Erfolg führt." Durch den Befehl seien jedem Soldaten "die Freiheit des Handelns" und die "absolute Rückendeckung" durch die Offiziere gegeben. Es müsse grundsätzlich festgeschrieben werden, dass der Soldat, "wenn er glaubt…mit den härtesten Mitteln vorgehen zu müssen, absolut im Recht ist und hinterher unter allen Umständen gedeckt wird." Jodl vermutete in den Ausführungen eine Kritik an dem
Befehlsentwurf und erwiderte, die Soldaten "können im Kampfe machen, was sie wollen: Sie dürfen sie aufhängen, verkehrt aufhängen oder vierteilen". Im Befehl seien keinerlei Beschränkungen für die Einsatzkräfte vorgesehen.18
In diesem Sinne wurde der "Führerbefehl" am 16. Dezember 1942 an die "Truppe" ausgegeben. Von Bedeutung war die Festlegung in dem Befehl: "Diese Grundsätze müssen auch die Anwendung der ´Kampfanweisung für die Bandenbekämpfung im Osten´ beherrschen." Der "Führerbefehl" verschärfte die zuvor vom OKH herausgegebene "Kampfanweisung" noch einmal vor allem durch die Ausweitung des zu tötenden Personenkreises auf "Mitläufer", aber besonders auf "Frauen und Kinder". Beide Dokumente zusammen bildeten bis zum Kriegsende die zentrale Vorschrift für das Vorgehen aller bewaffneten Kräfte des deutschen Faschismus bei der Bekämpfung des militärischen Widerstands im "Osten" und auf dem Balkan, ab dem 08. September 1943 auch in Italien.
"Kampfanweisungen" für Großaktionen gegen Partisanengebiete orientierten sich seitdem inhaltlich an der dreigliedrigen Struktur des "Führerbefehls" vom 16.12.1942. Sie enthielten immer die Festlegungen, die Einsatzkräfte sollten ohne "Einschränkung" rücksichtslos gegen alle Einwohner des Partisanengebietes, unabhängig von Alter und Geschlecht, vorgehen. Alles sei richtig und erlaubt, so die Weisung, was zum Erfolg führt. Außerdem wurde versichert, jede Handlung während der Aktion werde unter allen Umständen von den Vorgesetzten gedeckt. Schließlich findet sich in den Dokumenten, manchmal nur angedeutet, der Hinweis, dass Soldaten, die nicht in der geforderten brutalen Weise vorgingen, als "sentimentale Weichlinge" oder gar als "Verräter an den "Kameraden" betrachtet wurden.

Mörderische Praxis
Ende August 1943 ordnete der Befehlshaber der deutschen Truppen in Kroatien General der Infanterie Rudolf Lüters eine Operation gegen die Gemeinde Orasje im sogn. Unabhängigen Staat Kroatien an. In der Nähe des Dorfes fanden zwar keine Partisanenaktionen statt, folgerichtig hatten die Einsatzkräfte auch keine "Feindberührung". Trotzdem wurde Orasje "überprüft" und "gesäubert". Der Kommandeur des SS-Gebirgsjägerregiments 2, August Schmidhuber, der den Einsatz geleitet hatte; meldete, das Dorf sei gemäß einem Befehl der Wehrmacht "als vollkommen kommunistische Ortschaft…zerstört und die der kommunistischen Betätigung überführte Bevölkerung…erschossen" worden. Nicht nur die Frauen und Männer, sondern auch alle Kinder wurden umgebracht. Schmidhuber rechtfertigte sich damit, dass er gemäß der Kampfanweisung des Generals Lüters gehandelt habe. Darin sei ausdrücklich befohlen worden, bei den Erschießungen im Dorf "sind auch Frauen und Jugendliche zu erfassen."19
Anfang 1944 hatte die Partisanenbewegung in Norditalien erheblichen Aufschwung genommen. Ganze Gebiete waren der Kontrolle der Okkupanten entzogen. Das war für die deutschen Besatzer von besonderem Gewicht, denn 14 Provinzen im Norden des besetzten Landes sollten nach Germanisierung annektiert werden. Damit wollte man die deutsche Reichsgrenze bis zur Adria vorschieben. Zuvor mussten die Operationszonen, wie die Sondergebiete genannt wurden, "befriedet" und "gesäubert" werden.20 Zu diesem Zweck erließ der Befehlshaber in der Operationszone "Adriatisches Küstenland", General der Gebirgstruppen Ludwig Kübler, am 24. Februar 1944 einen Grundsatzbefehl zur Partisanenbekämpfung. Angelehnt an die "Kampfanweisung für die Bandenbekämpfung im Osten" und den "Führerbefehl" vom 16. Dezember 1942 schrieb er: "Im Kampf ist alles richtig und notwendig, was zum Erfolg führt. Ich werde jede Maßnahme persönlich decken, die diesem Grundsatz entspricht... Bei der Behandlung der Banditen und ihrer freiwilligen Helfer ist äußerste Härte geboten…Wer die Banden durch Gewährung von Unterschlupf oder Verpflegung, durch Verheimlichung ihres Aufenthalts unterstützt, ist todeswürdig und zu erledigen." 21
Kübler wurde u.a. wegen solcher Weisungen nach 1945 als Kriegsverbrecher gehängt.22 Eine Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr kam1995 zu dem Schluss, dass der oben zitierte Befehl Küblers eine "unmissverständliche Aufforderung zu einem Kriegsverbrechen" darstellt.23 Trotzdem wird Kübler bis heute in den Traditionsverbänden und in der (auflagenstarken) militaristischen Trivialliteratur als Organisator der deutschen Gebirgstruppe im Zweiten Weltkrieg glorifiziert. 241964 erhielt die Gebirgsjägerkaserne in Mittenwald den Namen General-Kübler-Kaserne.25 1986 sagte der bayerische Ministerpräsident Franz Joseph Strauß: "Für die Deutsche Gebirgstruppe war General Kübler als Mensch und Soldat ein Vorbild. Ihm hat die Truppe bis auf den heutigen Tag viel zu verdanken."26 Erst massive öffentliche Proteste bewogen das Bundesverteidigungsministerium, 1995 die Umbenennung der Truppenunterkunft in "Karwendel-Kaserne" vorzunehmen.27

(Nach "junge Welt", Berlin vom 15.12.2012, S. 10 u. 11.)

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